Erfahrungsbericht: Bootsrumpf schleifen
Das Antifouling am Unterwasserschiff neu aufzubauen gehört wohl zu den unangenehmsten Arbeiten als Bootseigner. Vor allem die vorbereitenden Arbeiten sind hierbei der unangenehmste Teil. Das Schleifgerät lange Zeit überkopf zu halten ist kräftezehrend und führt schnell zu ungesunden Körperhaltungen. Dabei ist das Tragen eines Schutzanzuges mehr als sinnvoll und eine gute Schutzmaske - idealerweise eine Vollmaske - Pflicht. Der entstehende Staub ist hochgradig giftig und darf auf keinen Fall eingeatmet werden. Was folgt, ist eine anstrengende Arbeit in einer Schutzausrüstung, in der man schnell ins Schwitzen kommt und die Konzentration verliert. Darunter leiden das Schleifergebnis und die eigene körperliche Verfassung. Ein guter erster Schritt ist es, unsere Schleifunterstützung zu verwenden. Aber darüber hinaus gibt es viele Möglichkeiten, sich optimal auf diese anstrengende Arbeit vorzubereiten und sie entspannter zu gestalten. In der folgenden Übersicht haben wir Ihnen unsere Gamechanger für das Abschleifen des Unterwasserschiffs dargestellt.
Ganz vorweg: Das Wetter beobachten
Gerade als Segler kennt man es: Das Wetter ist immer ein wichtiger Einflussfaktor. Während es auf hoher See aber eher um die Wind- und Wellenbedingungen geht, müssen wir in diesem Fall vorwiegend auf einen anderen Parameter achten: Die Temperatur. Diese anstrengende Arbeit wollen Sie auf keinen Fall bei 32 Grad im Schatten durchführen. Das machen Sie keine 15 Minuten! Schauen Sie sich die Wettervorhersage genau an. Temperaturen zwischen 12 und 20 Grad sind unserer Erfahrung nach am angenehmsten. Schon 22-25 Grad werden sehr schnell ungemütlich warm. Darüber hinaus raten wir dringend dazu, das Vorhaben zu verschieben. Kälter geht natürlich immer. Was Ihr Wohlfühlbereich ist, entscheiden Sie natürlich für sich selbst.
Die Vorbereitung: Eine Woche vorher
Das Unterwasserschiff abzuschleifen braucht Zeit und Kraft. Planen Sie dieses Vorhaben im Vorfeld also sorgfältig durch. Bereiten Sie etwa eine Woche vorher alles vor, um dann richtig durchstarten zu können. Nichts ist nerviger, als vor der eigentlichen Arbeit noch das richtige Werkzeug und Schutzausrüstung heraussuchen zu müssen. Dabei fällt immer auf, dass irgendetwas fehlt und das muss dann teuer im nächstgelegenen Baumarkt besorgt werden, was wiederum Zeit und Nerven kostet. Eine absolut vermeidbare Situation! Schauen Sie daher schon eine Woche vor dem Vorhaben durch Ihre Arbeitsutensilien durch und bestellen Sie Nachschub falls erforderlich bei den einschlägigen Webseiten oder ihrem lokalen Händler (support your locals!).
Morgen gehts los...
... doch schon heute empfehlen wir, sich den Tag über die Zeit zu nehmen, alle benötigten Arbeitsmittel einzupacken. Liegt ihr Boot in der Nähe? Umso besser! Fahren Sie kurz hin und überprüfen Sie, ob alles in Ordnung ist. So werden Sie nicht am nächsten Tag davon überrascht, wenn die Plane nicht dicht war und das Boot voller Wasser steht. Wenn Sie die Arbeitsmittel diebstahlsicher und trotzdem gut zugänglich am Boot verstauen können, machen Sie das. Wenn nicht, packen Sie die Arbeitsmittel gut erreichbar und perfekt sortiert ins Auto. Auf dem Heimweg können Sie direkt einkaufen fahren, um noch die nötige Flüssig- und Festnahrung zu besorgen (siehe auch Abschnitt "Endlich am Boot").
Erholt in den Tag
Achten Sie auf einen guten Schlaf vor der Arbeit. Sie sollten maximal ausgeruht sein und vor Energie nur so strotzen. Wenn Sie das Gefühl haben, heute Bäume ausreißen zu können, dann ist das genau der richtige Tag für diese Arbeit. Beginnen Sie den Tag entspannt und ohne sich zu stressen. Ein ausgiebiges Frühstück, die Brötchen vom Lieblingsbäcker, vielleicht noch ein paar Yoga-Übungen, usw.
10 min später anzufangen, aber dabei erholt und bei bester Laune zu sein ist 1000x besser, als gestresst und genervt mit dieser Arbeit zu starten. Sie werden schneller frustriert sein und das kostet unnötige Energie.
Endlich am Boot: Kann's los gehen?
Ja - unter Vorbehalt! Stellen Sie sicher, dass Sie alle Arbeitsmaterialien zur Verfügung haben. Dazu zählen natürlich die offensichtlichen Utensilien wie Schaber, Schleifgerät, ausreichend Schleifscheiben, Absaug-einrichtung, Schutz-anzug und Atemschutzmaske. Aber auch die vermeidlich selbstverständlichen Dinge wie ausreichend Wasser (3L sind schnell weg!), eine ordentliche Mahlzeit und gute Gesellschaft sind unerlässlich für diese Arbeit. Ihr Elektrolyt-haushalt wird an diesem Tag auf jeden Fall auf die Probe gestellt. Sorgen Sie also für ausreich-end Nachschub. Auch ein Energieriegel, Elektro-lytpulver oder ähnliches sind sinnvolle Ergänzungen.
Und los gehts!
Prüfen Sie zunächst, welche Art Antifouling Sie haben. Lässt es sich gut mit einem Schaber abziehen? Dann machen Sie dies zuerst, bevor Sie das Schleifgerät ansetzen. Der grobe Staub, der dabei entsteht setzt sonst die Schleifscheibe viel zu schnell zu und Sie kommen nicht vernünftig voran. Achten Sie darauf, ausreichend Pausen zu machen und dabei in deutlichem Abstand zum Boot etwas zu trinken. Das ist ein Marathon, kein Sprint!
Nachdem der Schaber seinen Dienst getan hat, können Sie das Schleifgerät mit einer 80er Schleif-scheibe ansetzen. Nutzen Sie dafür im Idealfall unsere Schleifunterstützung. Damit ist der anstren-gende Teil der Arbeit schon erledigt!
Das richtige Material verwenden
Disclaimer: Bei den folgenden Aussagen handelt es sich um einen unabhängigen Erfahrungsbericht. Von genannten Marken haben wir kein Geld oder kostenfreie Produkte erhalten. Wir nennen diese aus Überzeugung von deren Qualität und weil wir sie selbst benutzen. Sicherheitshalber kennzeichnen wir diesen Abschnitt dennoch als WERBUNG.
Bei der Materialauswahl gibt es viel Angebot. Nicht alles davon führt zu einem angenehmen Arbeitserlebnis. Ein zu dünner und qualitativ minderwertiger Schutzanzug reißt schnell. Der Gedanke "Naja, dann kaufe ich halt 2, kostet ja dasselbe wie ein hochwertiger" kommt einem da schnell in den Sinn, doch davon raten wir ausdrücklich ab! Auch wenn das prinzipiell funktioniert, ist es doch nervig den Anzug öfters wechseln zu müssen. Hier gilt wie so oft der Satz: Wer billig kauft, kauft zweimal. Wir haben gute Erfahrungen mit den Produkten von 3M gemacht.
Für das Abziehen der Farbe nutzen wir einen Farbschaber mit zusätzlichem Griff für gute Führung und ordentliche Krafteinbringung auf die Klinge. Der Ergo Kraftschaber 665 mit 65mm Klinge hat uns stets gute Dienste geleistet.
Nachdem die gröbere Farbe damit abgezogen ist, kann der Untergrund angeschliffen werden. Das ist wichtig, damit sich der neue Unterwasseranstrich optimal im Bootsrumpf verankern kann und nicht einfach wieder abbröckelt. Unsere Empfehlung ist hierfür ein Exzenterschleifer oder Getriebe-Exzenterschleifer mit 150mm Schleifteller. Ob man zum normalen Exzenterschleifer oder zum Getriebe-Exzenterschleifer greift, ist eine persönliche Präferenz, auf was Sie Wert legen. Wir haben verschiedene Geräte beider Kategorien getestet und bewerten dabei folgende Kriterien: Abtragsgeschwindigkeit, Händelbarkeit und Kraftaufwand, Anschaffungspreis.
High-Performer: Die höchste Abtragsrate konnten wir beim BOSCH GET 75-150 feststellen. Dieser Getriebe-Exzenterschleifer besitzt einen aktiven Antrieb der Rotationsbewegung, welche in unseren Tests sehr kräftig ausgefallen ist. Dadurch ist das Gerät jedoch in der Händelbarkeit eingeschränkt. Das Gerät wirkt in Kombination mit unserer Schleifunterstützung in bestimmten Positionen etwas "zickig". Mit einer gut eingestellten Anbindungsposition und durch das Gewicht eines Absaugschlauchs funktioniert es dennoch gut. Wir persönlich sind vom Gerät überzeugt und werden es für das Abschleifen des restlichen Unterwasserschiffs auch weiterhin benutzen. Der Zeitvorteil überwiegt unserer Meinung nach den etwas höheren Kraft- und Konzentrationsaufwand. Der aktive Antrieb vom Schleifteller lässt sich zwar ausschalten, abei wird die Rotationsbewegung jedoch leider fast auf 0 reduziert, sodass die Abtragsrate ohne eingeschalteten Direktantrieb sehr gering ausfällt. Im Anschaffungspreis ist das Gerät das teuerste der 4 verglichenen Geräte. Mit 750W Leistungsaufnahme ist es aber auch - zusammen mit dem Makita Getriebeexzenterschleifer - das stärkste.
Allrounder: Ebenfalls als Getriebeexzenterschleifer angeboten ist das Makita BO6050J sehr ähnlich zum BOSCH GET. Das Gerät ist weniger "zickig", trägt dafür aber auch etwas weniger ab. Die Unterschiede in der Abtragsrate sind sehr überschaubar, die Händelbarkeit im Zusammenspiel mit unserer Schleifunterstützung dafür signifikant besser. Außerdem funktioniert bei diesem Gerät auch der reine Exzenter-Modus besser als beim BOSCH-Gerät. In diesem Modus ist das Gerät "handzahm", büßt aber deutlich an Abtragsleistung ein. Ein normaler Exzenterschleifer, der für diesen Zweck entwickelt wurde, ist in diesem Modus dem BO6050J immernoch überlegen. Aber dieser Getriebe-Exzenterschleifer zeichnet sich eben dadurch aus, dass er in jedem Bereich solide Ergebnisse vorweisen kann, weshalb er sich den Titel "Allrounder" unserer Meinung nach verdient hat. Preislich liegt das Gerät ebenfalls im Mittelfeld zwischen dem teureren BOSCH GET und kosteneffizienteren Exzenterschleifern.
Preis-Leistungs-König: BOSCH hat mit dem GEX 40-150 unserer Meinung nach das beste Gerät für den preisbewussten Bootseigner im Angebot. Das Gerät haben wir selbst über langfristige Aufgaben wie das Abschleifen vom Deck verwendet und natürlich auch einen Adapter für unsere Schleifunterstützung entwickelt. Mit einer Abtragsrate, die nach unseren Vergleichstests etwa 65-75% vom BOSCH GET Gerät beträgt, dauert das Abschleifen vom Unterwasserschiff also etwas länger im direkten Vergleich. Dafür ist die Arbeit Kinderleicht. Das Gerät folgt mühelos dem Bootsrumpf ohne die oben genannte "Zickigkeit". Wer sein Boot nicht bis auf's Gelcoat abschleifen möchte, oder die ca. 30% mehr Zeit dafür erübrigen kann, wird mit diesem Gerät in Kombination mit unserer Schleifunterstützung seine Freude haben! Mit einem Preisbereich deutlich unterhalb der Getriebeexzenterschleifer ist diese Kombination perfekt für alle, die ohne viele Pausen durcharbeiten wollen.
Günstig, aber nicht billig: Der Metabo SXE 450 bietet im erhöhten Leistungsmodus eine fast vergleichbare Abtragsrate, wie das BOSCH GEX Gerät. Dies liegt vor allem an der Leistungsaufnahme: Das BOSCH-Gerät nimmt 400W Leistung auf, während das Metabo-Gerät mit 350W versorgt wird. Dadurch sinkt die Abtragsrate nochmals etwas ab, bewegt sich aber in einem vergleichbaren Rahmen. Wichtig ist zu erwähnen, dass dies nur für die Verwendung des Geräts im TurboBoost-Modus gilt. Ohne diesen ist das Gerät deutlich schwächer und liefert nur einen Bruchteil der Abtragsleistung. In der Händelbarkeit ist das Metabo-Gerät in Kombination mit unserer Schleifunterstützung genauso gut, wie das BOSCH GEX. Für alle Sparfüchse empfehlen wir dieses Gerät.
Hinweis: Es gibt auch das Gerät Metabo SXE 425. Dieses hat zwar nur 30W weniger Leistung, jedoch auch einen kleineren Schleifscheibendurchmesser. Da der obere Teil vom Gehäuse identisch ist, funktionioniert unser Adapter für beide Geräte. Bei Neuanschaffung empfehlen wir aber die 450er Version, da die größere Schleiffläche für die gleichmäßigsten ergebnisse sorgt.
Bei den Schleifscheiben gibt es ebenfalls gravierende Unterschiede. Die Papierscheiben gibt es in verschiedenen Farben. Die Farbkodierung ist je nach Hersteller unterschiedlich. Aus dem Baumarkt kennt man zumeist gelbe und rote Scheiben. Von beiden raten wir eher ab, da sie sich schnell zusetzen und so an Abrasivität verlieren. Wir nutzen stattdessen Schleifnetze. Diese brauchen keine Löcher für die Absaugung, da sie gitterförmig aufgebaut sind und somit per se luftdurchlässig. Das bietet auch die Möglichkeit, mehr Schleifstaub aufzunehmen, sodass sich die Scheiben nicht so schnell zusetzen. Mit den Schleifnetzen der Firma Abranet haben wir die besten Erfahrungen gemacht. Verwenden Sie 80er Schleifscheiben, wenn es darum geht, den Bootsrumpf für den neuen Anstrich vorzubrereiten. Eine 40er Körnung ist dafür zu grob. Diese eignet sich aber hervorragend, wenn Sie bis auf das Gelcoat herunterschleifen wollen. Im Anschluss sollten Sie jedoch hier noch einmal mit einer 80er Körnung überschleifen, damit die Verbindung für die nächste Schicht wieder optimal aufgebaut werden kann.